Zentralschweiz Tessin 2016 |

Radurlaub Zentralschweiz und Tessin | Auf den Spuren der Alpenbrevets

 

 

Vorwort

Während sich die Elbspitzler  am kommenden Wochenende wieder in 24 Stunden von Dresden durch die Alpen quälen, gehe ich es im dritten Jahr wieder einmal genüsslich an. Die Tour wurde basierend auf den Erfahrungen der letzten beiden Jahre geplant und wettertechnisch schaut es bis dato auch super aus. Da ich dieses Mal gut zwei Monate später starte als die Jahre zuvor, sind auch die hohen Pässe schneefrei. Es zieht mich in die Zentralschweiz, um namhafte Pässe der Alpenbrevet-Rundkurse zu erkunden. Dazu gehören Susten, Grimsel, Furka und Oberalp. Abgelegene Pässe wie der Große Scheidegg oder der mir bereits bestens bekannte Pragelpass stehen auch auf der Liste. Je nachdem wie ich vorankomme, ich plane 100 km und max. 2500 hm pro Tag, werde ich vielleicht einen Schlenker ins Tessin über den Nufenenpass und den 52 km langen San Bernadino machen, der mir noch gut aus Rennradzeiten in Erinnerung geblieben ist.

Natürlich packe ich wieder nur das Tarp ein, werde in Passnähe wild zelten und immer den Weg als Ziel ansehen. Sicher werde ich wieder viel erleben und spätestens in der KW28 seid Ihr dann auch schlauer. Also bleibt gespannt und schaut hier bei Interesse gern wieder vorbei.

Resümee

Mit jedem Mal laufen diese Reiseradtouren besser, was Organisation, Verlauf und Erlebnisse anbelangt. So hatte ich beispielsweise bis auf eine kurze zweistündige Ausnahme am Grimselpass keinen Regen, meist leicht bewölkt bis wolkenlosen Himmel. Auf den Passhöhen musste man sich nicht warm für die Abfahrt anziehen, es waren ideale Radfahrtemperaturen. Auch die Planung hinsichtlich Tourenlänge und Höhenmeter war dieses Mal nicht zu optimistisch und so konnte ich die theoretischen Vorhaben praktisch gut umsetzen. Aus zwei Touren der letzten Jahre konnte ich nun auch ein wenig auf Erfahrungen zurückgreifen, was das Gepäck und die Necessoires anbelangte. So verzichtete ich auf den schweren Biwaksack und packte nicht für die gesamte Dauer das Proviant mit ein. Am Start war ich dann trotzdem mit 20kg, 2x 3kg in den Front Rollern und 2x 7kg in den Hintertaschen, Kleinkram in der Lenkertasche.

Die An- bzw. Abreise zu/von den großen Alpenpässen ist immer ein wenig zäh und man freut sich dann immer auf die ersten richtigen Berge. Wenn es sich die kommenden Jahre vermeiden lässt, werde ich diese Strecken mit Auto oder Zug bewältigen um mehr Zeit und Kraft für die namhaften Pässe zu haben. Auf dieser Runde von 735 Kilometern schaffte ich es trotz flacherer An- und Abreise auf 15701 Höhenmeter, das sind mit 21.3 Höhenmeter pro Kilometer eine knackige Ansage. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sollten wir dabei außer Acht lassen, ich war ja nicht auf der Flucht, sondern im Dauergenuss-Modus. Richtig zu Buche schlugen bei den Höhenmetern die Pässe in gefahrener Reihenfolge:

  1. Pragelpass ab Glarus mit 1092 Hm
  2. Sustenpass ab Erstfeld mit 1754 Hm
  3. Große Scheidegg ab Innertkirchen 1342 Hm
  4. Grimselpass ab Meiringen 1577 Hm
  5. Nufenenpass ab Ulrichen 1132 Hm
  6. Tremola ab Airolo 961 Hm
  7. Oberalppass ab Andermatt 600 Hm
  8. Flimser Sattel ab Schluein mit 417 Hm

Die Pässe hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während der Pragelpass Samstag und Sonntag für den Autoverkehr gesperrt ist und die Große Scheidegg generell nur für den landwirtschaftlichen Verkehr , Postbus und Anwohner offen ist, dreht man am Susten oder Grimsel fast durch vor lauter Verkehr. Dazu kommt, dass am Grimsel und Nufenen die Landschaft mit Stauseen, Kraftwerken und Strommasten durchzogen ist. Dort ein Foto ohne menschliche Einflüsse zu schießen ist eine Kunst.  Eine Zeit lang versuchte ich daher, wo es nur ging, Hauptstraßen zu meiden und Radwege mit ausgeschilderten Symbolen zu nutzen. In der Schweiz gibt es dafür zwei unterschiedliche Symbole: Ein Mountain Biker, der auf dem Hinterrad fährt und ein normales Fahrrad was auf beiden Rädern steht. Bei letzterem bin ich davon ausgegangen, dass die Wege mindestens festen Schotter aufweisen und das auch nur als Teilpassagen. Aber nein, teilweise war es so ein beschwerliches Vorankommen, dass ich wieder auf die viel befahrenen Hauptstraßen auswich. Diese Entscheidung fiel mir umso leichter, da der Radwegeverlauf weder intuitiv noch gut ausgeschildert war und ich immer wieder anhalten und suchen oder umkehren musste. Flüssiges Fahren? Fehlanzeige.

In meinen Pausen suchte ich meistens die kleineren Läden wie Volg oder Coop in kleineren Ortschaften auf, um mein Rad besser im Blick zu haben und nicht sichern zu müssen. Stets schlugen rund 30 Franken (28€) für Trinken und Mittagessen zu Buche, in Andermatt gönnte ich mir mal ein Dönerteller für 18 Franken (17€). Dass das Leben in der Schweiz nicht billig ist, wusste ich und sparte ja so immer an der Übernachtung. Apropos.

Wild zelten ist schon eine tolle Sache, wenn man denn dann auch den Platz der Begierde gefunden hat. Aber genau hier hatte ich dieses Mal selten Glück, gleich auf Anhieb ohne lange Suche was zu finden. Der Platz muss drei Kriterien erfüllen: Wasser in der Nähe, einen ebenen Schlafplatz und gut versteckt. Ein Parameter aber sollte immer nicht gegeben sein. So kam es, dass ich den gesamten Pragelpass wieder runterfuhr, weil wirklich nichts zu finden war. Ganz hart traf es mich in der letzten Nacht, wo ich nahezu 2 Stunden nach einem Platz suchte und dabei einen 400 Hm Anstieg umsonst hochfuhr. So war ich meistens erst gegen 20 Uhr am Camp, aber mit Aufbau und Abendessen immer noch alles im Hellen bewältigt.

Unterwegs traf man viele Reiseradler, mit Frontrollern oder auch ohne, zu zweit oder allein, mit Rennrad oder Mountain Bike. Ich war dann doch echt erstaunt, wie viele Gleichgesinnte es doch gibt, die sich mal eben 4 bis 5 Stunden einen Anstieg hoch quälen um diesen keinesfalls genüsslich wieder runter zu fahren. Im Gegensatz zu einer rasanten Abfahrt mit Rennrad steht man hier nämlich permanent auf der Bremse. So kam es dann auch, dass ich nach dem Grimselpass erst einmal einen Radladen aufsuchen musste, der zum Glück auch meine Beläge hatte, die ich vorn völlig runter gebremst hatte.

Alles in allem war es eine sehr gelungene Tour, bei der ich als Naturliebhaber bei den einsamen Anstiegen voll auf meine Kosten gekommen bin und bei den befahrenen Pässen um mich herum versucht habe, alles auszublenden. Als ich genau das tat, wurde mir bewusst, dass ich in 4 Wochen genau das zu Gesicht bekommen werde ohne etwas auszublenden. Unseren Jahresurlaub verbringen wir nämlich in Kirgistan, welches den Ruf hat, die „Schweizer Alpen Zentralasiens“ zu sein. Kommendes Jahr werde ich wohl mal die französischen Alpen ins Visier nehmen  oder endlich mal den Plan verwirklichen, die großen Militärstraßen der Alpen abzuklappern.

Folgend nun der gewohnte Reisebericht, was mir so alles im Detail widerfahren ist.

1.Tag | Die Schweiz von Nord nach Süd

Nachdem ich mir nun doch das spannende Elfmeter-Schießen am Vorabend gegen Italien angetan hatte, startete ich genüsslich am frühen Sonntag Morgen direkt von zu Hause aus in Richtung Alpen. Eigentlich wollte ich Samstag abfahren und eine Zwischenübernachtung nahe Zürich See einlegen, aber nun hieß es, in einem Ritt zum Pragelpass. Die ungewohnte Fahrweise meines voll bepackten Esels beschäftigte mich keine 20 Km, dann lief es flüssig, auch im Wiegetritt. Das Wetter war von Anfang an gnädig mit mir. Leicht bis stark bewölkt und keine drückende Hitze. Kurz vor Glarus, den langweiligen und hügligen Teil hatte ich hinter mir gelassen, pausierte ich und genoss schon einmal den Ausblick auf das, was mich die kommenden Tage erwarten würde. Schneebedeckte, schroffe Berge und grüne, weitläufige Weiden. Die Crux des Tages stand dann in Glarus vor mir. Der Pragelpass war mir bereits von der anderen Seite her bekannt und ganz schlecht in Erinnerung. Dort war ich an einem heißen Sommertag auf dem Rennrad dreimal gestorben. Gleiches sollte mir heute nicht passieren. Die Auffahrt von Glarus aus hatte ja die ebene Klöntaler See Umfahrung als Zwischenpause und so konnte man sich den Anstieg auch psychologisch gut einteilen. Die ersten 350 Hm zum See hoch verliefen im Wald und schützten mich vor der mittlerweile nervigen Hitze.

Oben am See angekommen blickte ich ins Tal hinter, wo ich noch hin wollte. Dort war es schattig und bewölkt. Es war mittlerweile gegen 17 Uhr. Am Ende des Sees ging es dann an die restlichen 750 Hm, also noch 2/3 des Anstieges. Bis Richisau sah man noch einige wenige Anwohnerfahrzeuge, aber dann wurde es ruhig. Die Straße ist am Wochenende für den öffentlichen Verkehr gesperrt und so begann nun eine entspannte Bergfahrt in wundervoller Natur und mit reizenden Verlauf. Es mag 19 Uhr gewesen sein und der mit 1550m eher niedrige Pass war erreicht. Geplant war hier eigentlich die Übernachtung im Hochwald, aber vor Ort erst bemerkte ich, dass dieser Wald ein Naturschutzgebiet ist. Tja und wer die Schweizer Strafen kennt, der weiß, dass man da schnell mal sein Auto oder Rad los wird. Also fuhr ich weiter ab, aber an den Steilhängen fanden sich entweder keine passenden Plätze oder es gab kein Wasser. Erst kurz vor Stalden fand ich dann einen tollen Platz mit Ausblick aufs Muotathal. Es war immer noch hell und am westlichen Horizont konnte ich erkennen, dass der sehr dunkel bedeckte Himmel aufzureißen schien. Das Tarp und alles Andere waren schnell aufgebaut, nun hieß es die Arbeit des Tages vom Körper zu waschen. Da ich aber über die Straße unentdeckt kommen musste, sprang ich von Baum zu Holzhaufen und umgekehrt. Nach einer halben Stunde roch ich wieder gut und begann am Tarp mein Abendessen zu kochen. Da ich den ganzen Tag über wenig getrunken hatte, musste ich das Defizit nun hier ausgleichen. Mittlerweile dämmerte es und der Hobo entfaltete seine volle Lagerfeuerstimmung. Ich genoss den Rest des Abends und ging glücklich gegen 22.30 Uhr ins Bett.

 

 

2.Tag | Ein Pass entpuppt sich zur Tagesaufgabe

Der Morgen begann für mich sehr dunkel im dichten Buchenwald, aber draußen an den gegenüberliegenden Hängen glänzte die Sonne bereits mit ihrem Erscheinen. Der wolkenlose Himmel trug zusätzlich dazu bei, dass ich förmlich aus dem Schlafsack sprang, der die ganze milde Nacht über nur halb geöffnet war. Bei Müsli, Brot und Kaffee ließ ich es ruhig angehen, es war ja erst 7 Uhr. Gegen 9 Uhr war ich dann startklar für den sicher längsten Anstieg dieser gesamten Tour. Der Sustenpass wird zwar erst ab Wassen mit 1308 zu fahrenden Höhenmetern bewertet, doch von Altdorf kommend muss man bereits hier schon 450 Hm überwinden, sodass gesamt 1758 Hm eine klare Ansage waren und sind. Erst einmal musste ich aber am Vierwaldstättersee vorbei nach Süden kommen. Die am Ostufer verlaufende Hauptstraße war auch leider mein einziger Weg. Nicht schön, aber zweckmäßig absolvierte ich diesen Teil noch im vollen Schatten. Ab Altorf war das Geschichte. Nun lag ich auf dem Grill und wohl wissend, dass der Verlauf des Sustenpasses von Ost nach West geht, malte ich mir im Kopf schon die Hitzeschlacht aus. Der Weg von Altdorf über Erstfeld nach Wassen verlief zwar auf einer Nebenstraße, aber genau solche werden dann gern von den „Vignetten-Verweigerern“ oder den „Ausflugs-Motorrad-Gangs“ genutzt. Die Geräuschkulisse der großen Hauptstraße nach Andermatt war immer gut wahrnehmbar, aber ich begann für mich solche Sachen auszublenden und nur noch das zu sehen, was ich wirklich wahrnehmen wollte. Klingt komisch, aber klappt irgendwann wirklich ganz gut.

In Wassen war es dann 13.30 Uhr, ich lag noch gut in der Zeit, machte erst einmal Mittag, aber konnte nach kurzen Nachrechnen schon jetzt feststellen, dass diese heutige Tagestour doch sehr sportlich geplant war. Nach dem Susten wollte ich noch 1000 Hm an der Großen Scheidegg bewältigen. In Wassen verwarf ich bereits dieses zu  hoch gesteckte Ziel und beschränkte mich darauf, gleich im Beginn des Scheidegg-Anstieges ein Camp zu suchen. Ein Baguette-Brötchen, Cherrytomaten, eine Cola und ein Joghurtdrink füllten meinen Magen und sollten mir nun den Schub für den Susten geben. Gedanklich unterteilte ich mir die verbleibenden 1300 Hm in vier Teile, also je 325 Hm. Dann ausgedehnteres Päuschen und weiterfahren. Laut Garmin wurden mir Steigraten von 500m/Stunde angezeigt, die ein guter Richtwert waren und immer anvisiert wurden. Nach der Pause ging es voller Elan in den Pass hinein. Nächster Stopp sollte auf 1239 Meter Höhe sein. Bis dahin wollte ich ohne Fotostopps durchfahren. Schon wieder bemerkte ich die ambitionierte und nicht ereignisorientierte Denkweise, die mir auf 1239 Meter Höhe bald einen ordentlichen Denkzettel verpassen wollte. Kaum hatte ich diese Höhe erreicht, stellte ich fest, dass hier in dieser baumlosen Gegend kein Zahnstocher Schatten gefunden hätte. In dieser prallen Hitze des Tages nutzte ich den wenig vorhandenen Fahrtwind und fuhr einfach weiter. Endlich auf 1400 Meter Höhe dann eine Garage, die 2 Meter Schatten warf. Die gehörte nun mir, jedenfalls für 15 Minuten. Einfach mal lang legen und entspannen, soweit es ging. Aber hier verabschiedete ich mich dann von diesem stupiden Plan, Höhenmeterpakete ohne Stopps abzuspulen. Ich bin hier im Urlaub und nicht auf der Flucht. Ab jetzt hielt ich dort an, wo es schön war, genoss dort, wo es schön war den Ausblick und fotografierte die Motive, die mich begeisterten. Genau so funktionierte auch die Motivation beim Bergauffahren besser. Mit zunehmender Höhe wurde es aber nicht wirklich kühler. Im Gegenteil, meine in der Pause erneut aufgetragene Sonnencreme hatte nie wirklich eine Chance einzuziehen, denn der Schweiß rannte in Strömen über meine Arme. Die meiste Zeit fuhr ich nun im dritten Gang mit erhöhter Frequenz um Krämpfen vorzubeugen. Ich trank heute auch konstanter und ausreichender als den Tag zuvor. 17 Uhr war es dann so weit.

Nach etlichen Kurven, Pausen und Innehalten erreichte ich den 2224m hohen Sustenpass. Ab Erstfeld war ich nun 5,5 Stunden inkl. Pausen unterwegs gewesen. Nun freute ich mich auf eine kühle Abfahrt, war aber doch schon so gut geschlaucht, dass ich mit einem Camp am Sustenpass liebäugelte. Okay, ich hielt also mal die Augen auf, sobald die Baumgrenze wieder erreicht war. Ab Steinsee fuhr ich nun abwechselnd Straße und Mountain Bike Pfad. Dort gab es wirklich die idyllischsten Plätze, doch kein Rinnsal weit und breit. Ab 1900 m Höhe startete meine Suche und fand in Innertkirchen auf 630 m Höhe ein erfolgloses Ende. Umsonst die ganzen holprigen Umwege durchs Unterholz. Also hielt ich an meinem eigentlichen Ziel fest, im Einstieg von der Großen Scheidegg zu campen. Aber was war das, ein 100 Hm Anstieg um die Aareschlucht zu umfahren. Gott, hoffentlich sind das keine nutzlosen Höhenmeter, die ich wieder runterrollen darf. Zum Glück kam gleich nach der Bergkuppe der Abzweig links zur Scheidegg. Nun hielt ich meine Augen wieder offen nach einem geeigneten Camp. Auch hier wieder Warnschilder mit „Campen verboten von 22 Uhr bis 7 Uhr“.  Mit einem „Ich campe ja nicht, ich biwakiere“-Gedanken ignorierte ich das Schild, wo immer auch es erschien. Kurz nach Geissholz dann endlich ein Glücksgriff. Ein Bach, ein nettes Plätzchen im Wald an einem Weiderand und gut versteckt. Es war nun wieder 19 Uhr, aber so schlimm fand ich die Spätankunft nun gar nicht mehr. Was hätte ich sonst mit mir anfangen sollen, wenn ich immer schon nachmittags am Camp gewesen wäre. Erst einmal zündete ich den Hobo vor allen anderen Aktivitäten an um die Mücken zu vertreiben. Tarp, Isomatte und Schlafsack waren auch schnell ausgebreitet und ich freute mich nun auf das kühle Nass. Meine Haut schmeckte nach Salz, die weiße Kruste zierte auch mein Trikot, was auch gleich mal mit gewaschen wurde. Eine Wohltat, kurzfristig wieder mal frisch zu riechen. Am Zelt gab es dann Kartoffelpüree mit Wurst. Dann machte ich es mir am Feuerchen gemütlich und leckte meine Wunden des Tages. Die Vorfreude auf den morgigen Tag war groß, denn es sollte die einsame Große Scheidegg auf den Plan stehen.

 

 

3.Tag | Der Höhepunkt der gesamten Tour

Die Nacht war dann die bisher erholsamste für mich, da ich immer 1-2 Tage brauche um mich an die spartanischen Schlafumstände zu gewöhnen.  Alles sah wieder nach einem sonnigen Tag aus, also stand ich wieder gegen 7 Uhr auf und ließ mir beim morgendlichen Programm vom Frühstück bis zum Einpacken hin viel Zeit. Als ich dann startbereit und voller Tatendrang war, erschien auf der Weide just in diesem Moment ein Forstarbeiter, der meinte, nun mal die Hangwiese mit dem Trimmer zu bearbeiten. Er konnte mich im dunklen Waldrand nicht erblicken, aber ich musste nun irgendwie ungesehen über diese Weide. Also wartetet ich immer ab, wenn er den Hang von mir weg trimmte und mit dem Rücken zu mir stand. Hastig und immer mit ein wenig Angst, mir die Eier am Stacheldraht abzuschneiden, überstieg ich die Zäune und brachte nach und nach alles auf den Radweg zurück. Was für ein Hexentanz, aber ich will halt nicht erwischt werden und kein Aufsehen erregen, aber am Ende würde vermutlich keine Sau was sagen.

Auf 800 Meter startete ich nun in Geissholz und es ging erst einmal im dichten Wald die ersten Höhenmeter gleich mal ordentlich zur Sache. Stets an die 12% Steigung und eine enge Straße schlängelte sich an einzelnen Häusern und kleinen Bauernhöfen den Hang hinauf. Ab und an hörte man in der Ferne den Postbus hupen. Nach 500 Hm und 6 Km erreichte ich ein breites Hochtal mit Blick auf den Engelhorn Gletscher. Hier oben gab es auch Bauernhöfe und ich dachte mir nur „Mann Mann, wohnen die hier idyllisch. Ein Traum“. Ich hielt mal wieder für ein Fotostopp an, bevor ich die folgenden eher flacheren 2.5  Km in Angriff nahm. Vor mir befand sich eine 20-köpfige Mountain Bike Truppe, die ich nun Stück für Stück vernaschte. Aus der Ferne noch motivierend stellte ich jedoch beim direkten Anblick der Radler ernüchternd fest, dass Alle bereits im Rentenalter waren. Trotzdem überholte ich erst einmal Alle und fuhr meinen eigenen Stiefel. Die nun folgenden letzten 600 Hm waren nun Hochgenuss, vom Ausblick und vom Straßenverlauf her. Aber auch die Steigung nahm ab und an Ausmaße jenseits der 20% an. Ab und an schaltete ich alles.

Im Unterbewusstsein bemerkte ich doch tatsächlich Jemanden, der mich links überholen wollte. War es ein Rentner, der die letzten Reserven mobilisierte oder ein fitterer Radler als ich? Es war der wesentlich jüngere Guide der Südkoreanischen Rentnerausfahrt namens Viktor. Wir kamen ins Gespräch, was sie hier machen, was ich hier mache und wie ich meine Reise so gestalte. Er war sehr interessiert und es entwickelte sich zu einem sehr kurzweiligen Gespräch, bei dem auch heraus kam, dass die Reisegruppe eine Weltreise machte und sie vor den Alpen gerade 2 Wochen in Kirgistan gewesen waren. Was für ein Zufall, ich erzählte von unserem baldigen Vorhaben und Viktor bestätigte mich noch einmal in der Entscheidung. Wir fuhren und quatschten und so wurde der Anstieg nebenbei erledigt und nach 2h 45m war der Pass erreicht. Zu meinem Erstaunen war da oben viel los. Viele Wanderer und viele Radler, die anscheinend das gleiche suchten wie ich, unberührte und autofreie Natur.

Die Abfahrt wurde gleich in Angriff genommen, da ich ja dem eigentlichen Plan ein wenig hinterher hinkte. Pause wollte ich dann liebe unten im warmen Tal machen. Mit großer Geräuschkulisse meinerseits ging es nach Grindelwald hinunter. Die Bremsbeläge quietschten dermaßen laut, dass ich ab und an anhielt um die Scheiben abkühlen zu lassen. Half aber am Ende auch nichts, hier musste ich mir was einfallen lassen, nur was? Es standen ja noch 4 bis 5 weitere Abfahrten auf dem Programm. In Grindelwald stellte ich dann auch noch fest, dass die Bremsen anfingen zu schleifen. Boar, ich hätte kotzen können. Provisorisch behob ich den Umstand und fuhr weiter nach Interlaken. Dabei genoss ich immer wieder den Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, die leider in dicken Wolken lagen. Nur durch Zufall hatte ich in Grindelwald davon Wind bekommen, dass diese namhaften Berge mir hier zu Füßen liegen, weil jede zweite Unterkunft Eigerblick hieß.

In Bönigen am Brienzersee machte ich dann am Volg-Markt Pause um die Bremsen zu justieren und um Mittag zu essen. Für Mittag war es mit 14 Uhr schon reichlich spät, aber mein Plan für das heutige Ziel war noch so völlig offen. Geplant war der Grimselpass, aber total illusorisch. Also richtete ich mich gedanklich auf ein Camp irgendwo im Anstieg zum Grimselpass ein. Die Zeit sollte mir nicht im Nacken sitzen, also genoss ich entspannt die Mittagshitze unter einem Baum und startete eine halbe Stunde später zum zweiten Teil der Tagesetappe. Diese sollte mich am Brienzersee entlang führen. Ich dachte, es wäre eine öffentliche und flache Straße, direkt entlang am See. Beide Fakten trafen nicht zu. Es war eine Anliegerstraße, die Hauptstraße führte 100 m oberhalb entlang. Ja, sie führte direkt am See entlang, aber nicht flach, zweimal gab es je 100 Hm Anstiege und am letzten von ihm sah ich gleichwertiges Schlachtfutter für mich. Ein Reiseradler, komplett mit Front- und Backrollern bepackt, quälte sich die 12% Rampen hoch. Kurz bevor ich ihn schlachten konnte, klickte er aus und pausierte. Nun erkannte ich, dass es kein würdiger Gegner war, den es zu schlachten galt. Es war eine junge Frau, die sich da abkämpfte. Mit Delia kam ich nun ins Gespräch, die üblichen W-Fragen. So kam es, dass wir nächsten 20 Km zusammen fuhren. Sie wollte in Meiringen eine Studienkollegin besuchen und folgend am nächsten Tag den Grimselpass wie ich erklimmen.

Während sie es in Meiringen pünktlich ins Trockene schaffte, stellte ich mich nun für den weiteren Verlauf auf Regen ein, denn hinterrücks zog eine dunkle, gewittrige Wolkenwand heran. Zum Glück blieb es warm und so sah ich dem ganzen entspannt entgegen und überrollte den 100 Hm Aareschlucht Hügel vor Innertkirchen im einsetzenden Regen um kurz darauf festzustellen, dass der Grimselpass bis dato vom Regen verschont geblieben war. Ich fuhr also auf trockenen Straßen in den Grimsel hinein. Dass ich die gesamten 1540 Hm heute nicht mehr im Hellen schaffen würde, war mir beim Blick auf die Uhr sowas von klar, es war bereits 17.30 Uhr. Also fuhr ich nun mit Adlerauge voraus  um ein geeignetes Camp zu finden. Rechts bog auf einmal eine unbefestigte Straße über die Aare weg. Okay, Wasser war schon mal da, ein Platz war direkt an einem Strommast auch bald gefunden, aber so recht glücklich stimmte mich der Platz nicht. „Naja, habe ja noch bis 20 Uhr Zeit und bis max. 1000 Meter Höhe kann ich ja schon noch fahren“ dachte ich so und bereute diesen Gedanken dann keine 20 Minuten später. Während ich nämlich der unbefestigten Straße weiter dem Hang hoch folgte, setzte auf einer freien Weidefläche dann auch hier der Regen mit Donner und Blitz ein. Ich bemühte mich erst gar nicht, mich flach auf den Vorderlenker zu legen um nicht der höchste Punkt im Gelände zu sein. Ich wäre es auch so gewesen, hier in dieser baumlosen Gegend fand ich mich mit meinem Schicksal ab und im Kopfkino jagte mich ein Blitz nach dem anderen durchs Gebirge. Ich musste auf die Art und Weise lächeln, die einem klar macht, dass die Lage eigentlich todernst ist.

Der Weg führte in Boden bald wieder auf die Hauptstraße und ich folgte nun mit verzweifelte Miene dem weiteren Anstieg. Des öfteren rannte das Wort „F**k“ über meine Lippen. Auf 1100 Metern Höhe sah ich links einen Abzweig über die Aare, den ich als letzte Chance nutzen wollte. Aus Trotz wäre ich vermutlich sonst gleich den ganzen Grimselanstieg gefahren. Der Pfad führte durch einen Kiefernwald und links des Weges, 100 Meter im Unterholz fand ich dann eine tolle Stelle. 19.30 Uhr schlug ich mein Lager auf und es hatte vor einer Stunde bereits aufgehört zu regnen, was auch den Rest des Tages so blieb. Mit Routine war alles schnell aufgebaut und ich machte mich mit Wassersack und Handtuch auf zur 300 Meter entfernten Aare. Dort angekommen freute ich mich zwar über das kühle Nass, doch die trübe Brühe, aufgewühlt durch den nieder gegangenen Regen, bereitete mir nun Trinkwasserprobleme. Keine 10 Meter stromaufwärts plätscherte dann aber glücklicherweise ein kleines Rinnsal in die Aare, welches glasklar war. Während der Wassersack sich füllte, legte ich mich einmal lang in die Aare und brachte meinen Körper schnell wieder auf Normaltemperatur. Danach ging’s zurück zum Camp, während das Essen dahin brodelte, rief ich mal zu Hause an um nach der Stimmung zu fragen. Alles gut! Beruhigt aß ich dann meinen Reiseintopf und chillte am Hobo noch ein wenig ab indem ich den lodernden Flammen zuschaute. Ein interessanter Tag hatte ich da hinter mich gebracht und freute mich trotz der Strapazen bereits auf den morgigen Tag.

 

 

4.Tag | Zwei gegensätzliche Pässe

Ich startete den Tag erst um 8 Uhr, so gut hatte ich im weichen Moosbett des Waldes geschlafen. Gestärkt vom Frühstück baute ich dann alles ab, verstaute es und machte mich auf diese Weise schon warm für die nun folgenden restlichen 1000 Höhenmeter. Den letzten Ort Guttannen hatte ich bereits gestern hinter mir gelassen, was aber nicht bedeuten sollte, dass nun unberührte Natur folgen würde. Im Gegenteil, man hatte das Gefühl, dass sich das Zentrum der Schweizer Stromversorgung am Grimsel befindet. Ein Stausee nach dem anderen, verbunden mit Strommasten ohne Ende. Der einzige ansehnliche Abschnitt war die alte gepflasterte Straße nebst Tunnel, der auf 1500 Meter Höhe 1,5 Km an der Aareschlucht entlang ging. Der Pass war dann wohl der befahrenste und unattraktivste der ganzen Tour, um dies vorweg zu nehmen. So sah dann auch die Passhöhe aus. Reisebusse, Motorräder und Autos ohne Ende. Nichts wie runter von dem Pass, obwohl die Fernsicht von da oben schon spektakulär erschien.

Da fährt man so einen stark frequentierten Pass hinunter, hört permanent das Viepsen der Murmeltiere und sieht keine und dann urplötzlich liegt da so ein großer regloser Feelpatzen mitten auf der Straße. Ich bremste ab und war schon am ausklicken, da bewegt sich der Kopf in meine Richtung. Das Murmeltier hatte auf der Straße irgendwas Essbares gefunden und war im Vertilgen der Beute vertieft ohne mich zu hören, was schwer vorstellbar war bei meinem Bremsengequietsche. Ich bat das liebe Tier doch bitte woanders sein Mittagmahl zu beenden und setzte meine Abfahrt fort. Im Gedanken daran, dass ich Delia um eine halbe Stunde auf der Passhöhe verpasst hatte, eilte ich nach Gletsch hinunter, wo sich der Abzweig hoch zum Furka und weiter runter nach brig befand. Sie wollte 12 Uhr auf dem Grimsel stehen, also musste sie jetzt eigentlich im Furkaanstieg stecken, da es jetzt 13 Uhr war. Ich sah sie nirgendwo und war über Ihre Leistung erstaunt. Derweil machten mir aber meine Bremsen mehr Sorgen, die ein metalliges Geräusch entwickelt hatten. Klares Anzeichen dafür, dass die Beläge hinüber waren. In Gletsch gab es keinen Radladen, ich machte mir wenig Hoffnung, weiter unten bis Ulrichen, wo sich der Abzweig zum zweiten Pass des Tages befand, noch einen Radladen zu finden, der genau meine passenden Beläge auch vorrätig hatte.

Doch siehe da, im nächsten Ort Oberwald gab es einen Radladen, der noch Mittagspause hatte. Das war mein Stichwort, ich machte also auch bis 13.30 Uhr Pause am Volg-Markt. Es war sonnig, aber sehr windig. Dieser Ort versprühte seit langem mal wieder ein wenig Idylle und ich genoss dies bei Baquette und Knacker. Der nächste Weg führte mich dann also zum Radladen, wo der Mechaniker gerade dabei war, Rennradler mit einer neuen Kassette zu verarzten. Ich geduldete mich also ein wenig als nächster Patient und erblickte doch tatsächlich meine Bremsbeläge im Regal. Gott, war ich erleichtert, denn ohne diese wäre ich wohl keinen weiteren Pass mehr lebend hinunter gekommen. Zu üblichen Schweizer Preisen kaufte ich gleich zwei Sets, das eine tauschte ich vorn gleich mit dem runtergebremsten aus und das anderen tauschte ich am Abend mit den harten Belägen aus, die noch nicht verschlissen waren, aber auch so immer tierisch laut quietschten. Niemals wieder harte Beläge, die länger halten sollen.

Physisch wie psychisch gestärkt ging es nun in Ulrichen dann in den Nufenen. Ich versprach mir aufgrund der abgeschiedenen Lage schon eine ruhigere Passstraße, die am Ende immer nur durch die vielen Lkw’s die zum Griessee hochfuhren, getrübt wurde. Dort wird anscheinend die Staumauer erweitert. Ab hier wurde es nun sehr ruhig und die restliche Hälfte des 1150 Hm Anstieges konnten richtig genossen werden. Auch hier verliefen hier und da Strommasten, aber nicht in de Dimensionen wie am Grimsel. Dieser Pass machte richtig Spaß. Die Passhöhe, wenig besucht , erreichte ich gegen 17.30 Uhr und nun konnte ich die Abfahrt endlich wieder genießen. Mitten in der Abfahrt machten es sich Steinböcke in einer 180Grad Kurve gemütlich und leckten an den salzigen Mineralsteinen herum. Sie ließen sich weder von den Autos noch mir beeindrucken. Die Abfahrt fuhr ich im gemäßigten Tempo weiter ab um ein Auge für ein mögliches Camp zu haben. Auf 1700 Meter Höhe dann musste ich gezwungenermaßen halten um ein größeres Geschäft im Busch abzuhalten. Beim entspannten Sitzen auf dem Baumstamm blickte ich den Hang hinauf und entdeckte doch tatsächlich eine potentielle Stelle zum campen. Also Geschäft schnell beenden und die Lage checken. Es ging zwar sausteil auf der Weide wieder nach oben in einen Pinienwald, aber der Platz war so idyllisch, dass ich mir freiwillig beim Hochschieben des Rades über diese besagte Weide fast ein Totalaus holte. Oben angekommen bemerkte ich sogar eine längst verwachsene Feuerstelle, hier und dort sah man auch einen Trampelpfad oder Wildwechsel. Auf der schönen Wiese spannte ich mein Tarp zwischen die Bäume. Die Sonne war auf meiner Westseite des Tales schon nicht mehr vorhanden, aber auf der anderen Seite des Tales kitzelte sie noch lange in den Abend hinein die Gipfelspitzen. Ich war heute bereits 18 Uhr im Camp angekommen, hatte also genügend Zeit, wechselte die hinteren Bremsbeläge, breitete mich noch ein wenig aus, machte Feuer und ging mich im 10 Meter entfernten Bächlein waschen.

Gegensätzlicher hätten die Pässe heute nicht sein können und wäre ich den Furka gefahren, hätte ich sicher zwei stark befahrene Pässe erlebt. So war die Nufenen- Entscheidung allein wegen diesem Camp die beste Wahl gewesen. Ich relaxte am Hobo, bereitete mein Essen zu, telefonierte mit zu Hause und war mit mir und dem Leben zufrieden. Glücklich beobachtete ich, wie sich auch die letzte Spitze der gegenüberliegenden Berge verdunkelte und ging gegen 22 Uhr ins Bett. Was mir der Tag morgen bringen würde, wusste ich noch nicht, ich hatte viele Optionen auf dem Plan.

 

 

5.Tag | Spontan über die Grand Dame der Pässe

Dieses Mal lag mein Camp so offen am Hang, dass mich die Sonne aus dem Schlaf kitzelte. Obwohl die Nacht hier oben richtig kalt gewesen war und ich das erste Mal den Daunenschlafsack komplett schließen musste, wurde es dafür jetzt um 7 Uhr gleich ordentlich warm. Ich schälte mich aus meiner Hülle und machte erst einmal den Hobo an um Kaffee zu kochen. Während die Sonne durch die Pinienbäume blinzelte, genoss ich mein Frühstück, da es ja die wichtigste Mahlzeit des Tages ist. Kurz kam in mir der Gedanke auf, hier eine weitere Nacht zu bleiben, so schön war das Camp. Es ist wohl das beste Tarp-Camp bisher. Aber nein, ich war voller Tatendrang, ich wollte weiterziehen. Leider stand aber die Marschroute heute noch nicht so ganz fest. Entweder den sehr befahrenen langen San Bernadino ganz im Süden oder der Lukmanier in der goldenen Mitte. Auf Nachfrage bei meinen alten Kumpels in Dresden hin, warf Einer den Tipp ein, doch die Tremola zu fahren. Sie war mir nicht unbekannt, ich kannte sie bereits. Also noch einmal fahren? Was war mir wichtiger? Schon irgendwie die Idylle und ruhige Auffahrt. Also beschloss ich ganz spontan in Airolo beim Anblick auf das überbevölkerte Tal gen Süden doch die Tremola zu fahren, für mich die Grand Dame der Alpenpässe. Sie strahlt so eine Ruhe aus, eine Erhabenheit, Stilechtheit, Authentizität und Schönheit, dass ich diese Entscheidung nicht bereuen sollte. Die 1000 Hm schraubten sich anfangs noch auf Asphalt, die letzten 400 Hm dann auf Pflasterstein ca. 14 Km den Berg hinauf. Die engen Serpentinen folgten Schlag auf Schlag, ich musste mehr pausieren, weil das unruhige Fahren auf dem Pflasterstein nicht besonders erholsam für meinen geschundenen Arsch war. Parallel verlief ja auch noch die große Gotthardstraße über den Pass, was mir dann wieder bewusst wurde als ich auf der Passhöhe ankam. Ich hatte hier gar nicht erst Bock, ein Foto zu schießen. Hier war der Tourismus richtig angekommen. Fressbuden, Souvenirstände, Rentnergeschubse um die Reisebusse, Autos und Motorräder behinderten sich aufgrund der Hülle und Fülle gegenseitig. Ein Schock, wenn man vorher so im ruhigen den Anstieg dahin geradelt ist. Ich machte mich also gleich an die Abfahrt auf der alten Tremola. Nach 200 Hm auf einer aktuell gesperrten Pflastersteinstraße war dann Schluss, die Tremola lief auf die Hauptstraße aus, der ich nun bis Andermatt folgte.

Hier plante ich meine Mittagspause ein, bevor ich den Oberalppass rocken wollte. Kurz vom Supermarkt lächelte mich halbrechts eine Dönerbude an. Warum nicht? Lecker, mal was warmes türkisches. Die Preise an der Anzeigetafel war dagegen gar nicht lecker, aber ich entschied mich trotzallem für einen 18 CHF Dönerteller (16 Euro). Ich spare ja jede Nacht an den Übernachtungskosten, also was soll der Geiz. Mit großer Gelassenheit blickte ich den bis dahin gelaubten letzten Anstieg des Tages entgegen. Es waren ja nur läppische 600 Hm. Zeit war genug, Wetter war bestens, die Stimmung bestens und die Beine noch willig, nur der Arsch war langsam aber sicher im wund geriebenen Bereich.

Der Bauch war voll geschlagen, der Teller sauber geleert und ich bereit zur Weiterfahrt. Aufgrund der Lage stempelte ich den Oberalppass als befahrene Straße ab, doch sie entpuppte sich als eher wenig frequentiert, so dass ich mich bei der Auffahrt genussvoll auf die immer wieder kreuzende Zugstrecke des Glacier Expresses konzentrieren konnte. In der vollen Nachmittagshitze musste auf halber Höhe dann Wasser nach getankt werden und bald erreichte ich die Ebene noch vor dem Tunnel und der eigentlichen Passhöhe. Nun sollte bald auch eine lange entspannte Abfahrt folgen. Nichtsahnend ließ ich mich rollen und auf einmal erschien doch tatsächlich wieder Delia vor mir. Sehr verwundert, aber auch irgendwie erfreut, sie zu sehen, näherte ich mich ihr von hinten. Wir Beide waren erstaunt und zu sehen. Alles sollte sich nun aufklären. Am Grimselpass, wo ich vergeblich versucht hatte, sie bis auf die Passhöhe einzuholen, fuhr sie die ganze Zeit hinter mir. Sie hatte sich verspekuliert und war erst gegen 17 Uhr auf dem Pass und übernachtete dann auch dort. Heute war sie den Furka gefahren „und den Oberalp auch?“ fragte ich. „Hust hust, nein, ich habe den Zug nach oben genommen“ Naja, wer muss ich denn schämen, man macht das ganze ja aus freien Zügen und nicht um Irgendjemand was beweisen zu müssen. Wir rollerten die nächsten 10 Km bis Disentis noch zusammen, sie fuhr dann weiter bis zur nächsten Freundin nach Thrun, während ich Proviant fürs Abendessen nachkaufen musste. Wir verabschiedeten uns und sahen uns nun nicht noch mal.

Nach einem Eis und einem kühlen Getränk verstaute ich das Essen und folgte nun nicht mehr der links am Hang verlaufenden Hauptstraße, sondern dem im Tal liegenden Vorderrhein, der hier unweit im Tomasee seinen Ursprung hat. Ich hoffte auf der ruhigeren Strecke im Tal am Fluss ein Camp zu finden. Bei Rabius durchkämmte ich auf einem schottrigem Radweg nahe dem Flussufer die Gegend zweimal. Ich gab es auf und bog rechts in eine kleine Bergstraße den Hang hoch ein. Hier hoffte ich nun fündig zu werden. Das Gelände war aber so steil, dass echt kein Camp auszumachen war. Wasser gab es dagegen wieder mal mehr als genug. Als nach 400 Hm die Straße ihren Höhepunkt fand, begab ich mich wieder auf die Abfahrt, in der Hoffnung nun hier was zu finden. Es war kaum zu glauben, bald stand ich wieder am Ufer des Vorderrheins und war diesen beschissenen Anstieg umsonst gefahren. Klar, die Aussicht war toll, die Straße schön einsam, aber wenn man sich auf Feierabend eingestellt hat, dann will man ihn auch haben und nicht hinauszögern. In Zignau folgte ich nun wieder der Hauptstraße, es war nun 19 Uhr, die Sonne schien aber noch ins Tal hinein. Ein kurzer Blick aufs Navi und mir wurde die ursprünglich geplante Route nach Obersaxen angezeigt. Also was tun? Wieder einen Anstieg hochfahren ohne zu wissen, was da komme oder im Haupttal auf ein Wunder hoffen. Mir war klar, abseits der Hauptroute würde ich eher fündig werden, also ab nach Obersaxen. Die Straße war ein wenig mehr befahren, aber trotzdem ruhig. Nach zwei, drei Kurven entdeckte ich nahe eines Flusses ein schönes Plätzchen und war ich war gerade dabei, von der Straße ab ins Unterholz zu verschwinden, da erschien ein Auto und sah mich bei meinem Versteckversuch. So ein Mist aber auch, kann doch nicht wahr sein. Bleiben und erwischt zu werden riskieren oder weiterfahren? Jeder, der Einen sieht, kann der potentielle Verräter sein, ich fuhr also weiter und weiter und weiter. Kaum zu glauben, aber auch hier fuhr ich 300 Hm hoch bis ich endlich auf einem stark überwuchernden Wanderweg ein Camp fand. Zwar war ich von diesem Wanderweg sichtbar, aber dieser sah aus als wäre er die letzten 10 Jahre nicht benutzt worden zu sein. So sah dann aber auch der Bach in der Nähe aus. Ich hörte zwar ein plätschern, musste aber erst einmal Buschwerk und Blätter beseitigen bis ich an das kühle Nass heran kam. Es war nun bereits 20.30 Uhr und hatte die Schnauze richtig gestrichen voll von dieser Scheiß-Campsuche. Jaja, selbst gewähltes Elend, es gibt ja auch Campingplätze.

Das Camp war in Windeseile aufgebaut, ich duschte mich im herabstürzenden Bach und am Camp gab es dann Reis mit Wienern und als Belohnung Rum mit Cola. Gott, war das peinlich, im Supermarkt nach der kleinen Rumflasche an der Kasse zu fragen. Als würde ich dann gleich vorm Laden an ihr nippen wollen. Ich rief zu Hause an und quatschte eine Weile mit beiden Mäusen, so nebenbei erwähnte Yvonne, dass Deutschland aus dem Halbfinale geflogen sei. Das störte mich irgendwie nicht, vielmehr jedoch, dass mich Beide vermissten. Nach dem Gespräch warf ich mir selbst ein wenig Egoismus vor, die Beiden allein gelassen zu haben um meiner Passion nachzugehen. Etwas unzufrieden ging ich zu Bett und dachte noch ein wenig über den weiteren Verlauf der Tour nach. Es sollten ja noch 3 Tage folgen, die mich bis zum Sonntag wieder nach Hause führen sollten. Tendenziell sollte es aber nun flacher werden, mit jedem Meter würde ich aus den wahren Alpen raus kommen.

 

 

6.Tag | Wenn einen die Familie vermisst, bringt man Opfer

Ich stand nicht wirklich glücklich auf, da ich die Nacht noch eine SMS von meinen Beiden bekam, dass sie mich wirklich vermissen und ich mich beeilen soll. Bei Googlemaps prüfte ich die theoretische Möglichkeit, heute in einem Ritt nach Hause zu fahren. Das Suchergebnis spuckte 1000 Hm und 200 Km aus. Hhm, machbar, aber doch sehr grenzwertig. Ich war 7 Uhr munter geworden und plante mal eine Abfahrt von 9 Uhr ein, also sollte eine Ankunft gegen 20/ 21 Uhr am Freitag Abend realistisch sein. „Komm‘, das machen wir“ sagte ich zu meinem anderen Ich, was eigentlich noch länger radeln wollte. Frühstück und Aufbruchstimmung waren fließend ineinander übergegangen und 8.45 Uhr war ich startklar. Ich folgte der Abfahrt und weiter der Hauptstraße. Ich wollte heute also ohne großes Suchen und Umwege vorankommen. Doch schon in Schluein wurde ich vor eine nichts ahnende Tatsache gestellt. Ich musste erst einmal innehalten und mich an der viel befahrenen engen Straße sammeln. Laut Navi waren es ja bloß 400 Hm und schweren Herzens und mit Heimweh machte ich mich in den hoffentlich letzten Anstieg. Direkt mittendrin fiel mir dann wieder der Wind auf, der mir ins Gesicht wehte. Er schien aus Richtung Bodensee das gesamte Tal hochzuwehen. Das steigerte meine Vorfreude auf die anstehende lange Abfahrt nicht besonders. Nun widmete ich mich erst mal dem Flimser Sattel, der mich an der Kuppe wieder mit einem Touristenschock begrüßte. Wie schön es hier mal vor 100 Jahren gewesen sein muss? Ich schlängelte mich durch Autos und Touris durch und begab mich nun endlich in die Abfahrt nach Chur. Dieser nicht eingeplante Anstieg warf mich in meiner Zeitplanung zurück, aber ich war guter Dinge nun flach nach Hause zu rollern. Kurz nach Ende der Abfahrt und kurz vor Chur erblickte ich dann links den Klunkenpass Einstieg, der echt sehr interessant ausschaute, da er an einer steilen Steinwand hochführte. Muss ich also noch einmal machen, zumal dieser Pass eine unbefestigte Straße ist und sicher idyllisch im Wald verläuft. Mein zielstrebiger Blick ging wieder nach vorn, es war echt zum kotzen. Da hat man 3-4% Gefälle und muss sich trotzdem abstrampeln um voranzukommen.

Der Radwegverlauf durch die Orte verwirrte mich zu sehr, ich blieb auf den Hauptstraßen und erst ab Landquart war es ein relativ klarer Verlauf am Rhein entlang. Größtenteils war dieser schöne Radwanderfernweg asphaltiert. So rollte es bis Buchs, wo ich eine Pause dringend nötig hatte, richtig gut. Ich deckte mich im Zentrum mit Lebensmitteln ein und fuhr dann wieder zurück zum Rheindamm, der mir bis dahin echt gefallen hatte. Dort pausierte ich erst einmal und ließ meine beiden Mäuse zu Hause in dem Glauben, dass ich mich noch irgendwo in den bergen rumtreiben würde. Es waren 95 Km geschafft, aber die gute restliche Hälfte stand mir noch bevor. Mit dem Reiserad rollte es aber im Flachen erstaunlich gut und so machte ich auf dem Rheindamm weiter Meter für Meter. „Ihr verdammten Idioten“ konnte ich dann endlich mal ungehalten am Radweg loswerden, weil Keiner da war, der es hören konnte. Dieser Aufschrei galt den Radwegerbauern, denn prompt hörte der Asphalt auf und lockerer Schotter folgte. Es war dermaßen zum kotzen, dass ich bei Kriessern auf die Straße fuhr und den linken Berghang anvisierte, denn ich knapp ohne viel Höhenmeter umfahren wollte. Ich fuhr einen so beschissenen Zickzack-Kurs, dass ich schiebend auf dem Rheindamm schneller gewesen wäre, es war zum Mäuse melken. Der Weg war nun wirklich nicht mehr das Ziel, sondern nur die Haustüre. Endlich war ich dann in Altenrhein und am Bodensee angekommen. Ab hier kannte ich den Weg nun wieder gut, da ich hier einen Monat zuvor mit Kumpels eine Bodenseeumrundung gefahren bin. Da die Schweizer hier fahrbahnbegleitende Radwege haben, lässt es sich relativ entspannend und zügig vorankommen. Natürlich war der Wind auch hier gegen mich und forderte echt alles von mir. Ich lag aber auch so gut im Plan, so dass ich mir nach Romanshorn noch einmal ein Eis und eine Cola gönnte und weiter Yvonne im Glauben ließ, ich sei noch weit weg von daheim und am Sonntag ja wieder da. 19.30 Uhr war ich dann in Kreuzlingen und war nun nur noch einen Katzensprung vom Ziel entfernt. Kurz vor Steckborn entdeckte ich dann eine Fähre, die zwischen Hemmenhofen und Steckborn auf dem Untersee verkehrt. Ich gab alles und sah eine Chance der Routenkürzung um 20 Km, indem ich die Fähre erwischen musste. Hätte ich einen Unterlenker gehabt, ich hätte mich aerodynamisch platziert um noch schneller da zu sein. Am Hafen von Steckborn angekommen erwarteten mich zwei Nachrichten, eine gute eine schlechte. Die gute, ich war vor der Fähre am Hafen angekommen, die schlechte, das Schiff war keine Fähre, sondern ein Ausflugsschiff und würde hier gar nicht anlegen. Mit gesunkenen Haupt und 160er Puls setzte ich nun die letzten 20 Km der Tour fort und baute mich mit dem Gedanken auf, dass ja nur noch 10 Km davon Gegenwind seien, ab Stein am Rhein würde der Wind dann mir ordentlich in den Rücken blasen. Ich stellte sicher, dass die Beiden auf mich zu Hause nicht schlafend warten würden und schrieb, dass ich soeben im Camp angekommen sei und in einer halben Stunde mal durchrufen würde. Also ab nach Stein am Rhein, den Rhein überqueren und nun nach Hause blasen lassen. Doch was war das? „Ha, war ja klar, dass es so kommen musste“ Jetzt, genau jetzt, just hier war Windstille. Ach, komm, die 10 Km kannst Du mir nun auch noch ruhig mit Gegenwind die Hölle heiß machen. Mit einem sehr verbissenen Lächeln nahm ich die letzten Hügel in Angriff und war dann gegen 20.45 Uhr zu Hause. Ich rief nun zu Hause an, stand aber unten vor der Tür und sagte Täve, er solle mal vor die Tür gehen, Jemand habe ihm dort ein Geschenk hingelegt und klingelte gleichzeitig. Täve rannte die Treppe runter, öffnete die Tür und fiel mir überglücklich in die Arme. Yvonne stand oben an der Treppe und war auch sehr überrascht und freute sich. Allein dieser kurze Moment der Überraschung und der Freude war es Wert, sich 12,5 Stunden auf dem Rad nach Hause zu quälen.

 

 


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