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Klöntaler See 2013

Klöntaler See und Berge | Scharfrichter namens Glärnisch

Vor Wort

Ich versuche auch hier meine Erinnerungen zusammen zu nehmen und das jetzt noch sehr präsente Spontanwochenende im Juli 2013 im Nachgang für Euch nach zu erleben. Wir waren auf drei Tage zu Besuch in Dresden bei Yvonne’s Eltern, dann juckten uns aber die Sohlen und nachdem wir wieder zu Hause am Bodensee angekommen waren, fiel eine sehr spontane Entscheidung. „Lass‘ uns doch noch paar Tage in die Alpen fahren?“ Die Arbeit war schnell eingeteilt. Yvonne sortierte und wusch die nötigen Klamotten, ich suchte und plante im Internet was Feines. Ein Campingplatz auf 850 Meter Höhe am Klöntaler See war schnell gefunden. Eigentlich wollten wir wild zelten, aber auf ca. 1500 Meter Höhe waren im August auch nur 5 Grad. Es war kein besonders heißer Sommer. Also nutzten wir das sehr zu empfehlende rudimentäre 2* Camp an der Auffahrt zum Pragelpass. Alles war am Abend gepackt, eine geheimer Plan von mir geschmiedet und den Morgen darauf ging es los.

Vor Ort

Gegen Mittag waren wir am See angekommen. Der See wird von beiden Seiten von steil aufragenden Bergen eingerahmt. Die Wolken hingen am weiter entfernten Pragelpass fest. Bei uns schien die Sonne, es war angenehm warm. Wir bauten das Zelt auf, holten mit einem Sackkarren das Gepäck, da Autos hier nicht zugelassen sind. Als das Zelt stand, nahmen wir uns die Zeit für eine Erkundung in der Umgebung. Ich schulterte die Kindertrage und am See ging es entspannt entlang Richtung Osten. Der Tag heute sollte die Ruhe vor dem Sturm darstellen. Immer wieder fiel der Vordere Glärnisch ins Bild, wenn man den Blick umherschweifen ließ. Die markante Zacke stand imposant so weit oben, dass sie Einem den Atem raubte. Yvonne staunte nur, doch ich dagegen hatte Zweifel an unserem morgigen Vorhaben, denn diese Zacke sollte unser Ziel sein. Naja, oder doch eher Umkehrpunkt.

Wir genossen also noch den Tag und insgeheim verabschiedete ich mich schon vom 2328m hohen Gipfel und sah nur noch den Weg als Ziel an. Es wären ja sportliche 1500 Höhenmeter gewesen und das auch noch mit Täve auf dem Rücken. Ich hätte mich ja mit der T(ort)our selbst vergewaltigt. Im Camp war noch nicht viel los, eine gemütliche Stimmung machte sich breit. Hier und da am nahe gelegenen See waren Lagerfeuerchen entfacht, in der Weite lauschten wir Gitarrenklängen. Bei Täve schlug die Müdigkeit schnell zu, während wir noch bis spät in die Nacht vorm Zelt saßen und Wein tranken. Gegen Mitternacht fielen wir bei lauen Temperaturen ins Bett.

Der nächste Tag begann mit einem ausgiebigen Frühstück. Der Rucksack für die Tour war gestern schon gepackt worden. Alles Nötige war dabei. Yvonne wurde auch jetzt noch das Ziel verschwiegen und auch die leichtere Option ab Schwammhöhe los zu wandern. Start war also das Camp. Gegen 9 Uhr fiel der Startschuss. Im Wald ging es die ersten 200 Höhenmeter ordentlich steil hinauf. Auf der Ebene konnte man schön in den 400 Höhenmeter höher gelegenen Kessel blicken. Dies war mein persönlich anvisiertes Ziel, zumal ich in dieser Wand keinen normalen Wanderweg ausmachen konnte. Vielleicht würden uns bereits ausgesetzte Kletterpassagen schon vorher stoppen. Über eine Weide ging es nun zum eigentlichen Einstieg, wo ein Stapel Holzscheide den Weg zierten. Ein Schild wies darauf hin, dass man doch immer ein Stück mit hoch nehmen sollte. Vermutlich für die alljährlichen Höhenfeuer. Ich hatte mit Täve schon genug auf dem Rücken und Yvonne buckelt unser Equipment. Also fühlten wir uns nicht angesprochen und zogen weiter. Es waren nur wenige Wanderer auf dem Pfad nach oben unterwegs. Nun ging es richtig zur Sache. Es wurde steiler, steiniger, ausgesetzter, schmaler. Einige Passagen waren mit einem Stahlseil gesichert, aber immer noch gut und sicher ohne Klettersteigset machbar. Nun waren wir mitten in der Steilwand unterhalb des Kessels. Zum Glück lag dieses Teilstück im Schatten, der Schweiß lief auch gut ohne Zutun der Sonne.

Dann hatten wir die 1500 Meter Marke geschafft und pausierten im Kessel mitten in der Sonne, die angenehm warm schien. Es war ein herrlicher Tag, umgeben von Wolken, aber bei uns schien immer die Sonne. Am Fluss füllten wir unseren Trinkrucksack auf. Es kamen uns schon wieder die ersten Wanderer entgegen. Sie zollten mir Respekt, dass ich den Kleinen hier hoch buckeln will. „Wo hoch buckeln will?“ fragte mich darauf Yvonne. Nun sollte es an der Zeit sein, Puppenarsch über den weiteren Verlauf aufzuklären. „Naja, der Weg, den wir gerade beschreiten, führt auf den Vorderen Glärnisch, sind aber nur noch 850 Höhenmeter und 650 haben wir schon geschafft“. Gezwungen lachte ich Yvonne an und sie ging in sich. Nach einer kurzen Schweigeminute kam ihr innerer Schweinehund zu Wort „Wenn wir schon mal hier oben sind, warum nicht gleich bis ganz rauf?“

Also ging es nun weiter bergauf. Aus dem Kessel ging es nun linker Hand weiter hoch in Serpentinen. Bald hatte man auch einen freien Blick auf den Klöntaler See und unser Camp. Mann, mann, lag der weit unten. Langsam und bedächtig ging es Schritt für Schritt weiter hoch. Täve saß ganz ruhig in der Trage und genoss die Umgebung. Heute ertönte kein Laut, mal freiwillig ein Stück selbst zu laufen. Dafür machten wir umso mehr kleinere Pausen für ihn, naja ein wenig auch für mich, damit er sich die Füße vertreten konnte. Es folgte nun ein langes steiles Geröllfeld und nachdem das auch bewältigt war, erspähten wir zum ersten Mal den Gipfel.  Wir waren nun auf ca. 2100 Meter Höhe, der Gipfel in greifbarer Nähe. Nun zweifelte Yvonne zum ersten Mal am Gipfelziel. „Geh du alleine, ich warte hier“. Nun peitschte ich sie mit Motivationssprüchen die letzten Meter hinauf. Gegen 14 Uhr waren wir dann auf dem Gipfel , wir verweilten nur einen Augenblick, der Zeit und der Höhenangst wegen. Der Gipfel ist sehr ausgesetzt und Yvonne konnte den Ausblick nicht gerade genießen.

Den Abstieg halten die Meisten ja für einen Klax. Ohne Gepäck auf dem Rücken und bei moderater Steigung sicherlich, aber all das traf bei uns nicht zu. Jedoch waren wir bergab nun schneller unterwegs. Dabei halfen die Wanderstöcke nur mittelmäßig, aber ohne sie wären mir die Kniescheiben vermutlich auf halben Wege abhanden gekommen.  Mittlerweile waren wir allein auf dem Pfad unterwegs. Idyllischer ging es nun nicht mehr. Die Schmerzen wurden hingenommen, denn die Umgebung, die Einsamkeit und der Gipfelerfolg versprühten Glückshormone. Gegen 16 Uhr waren wir wieder im Kessel angekommen, Zeit für eine Pause war allemal drin, die Sonne würde doch erst 21 Uhr untergehen und das Ziel war nun nicht mehr weit. Von Genusstour konnte man nun nicht mehr reden. Jede noch so kleine Ebene im weiteren Verlauf wurde frenetisch gefeiert. Wir sehnten schon der weiten Grasebene auf der Schwammhöhe entgegen. Innerlich biss ich mir in den Arsch. Warum hatten wir hier nicht unser Auto abgestellt? Die Ebene war dann gegen 18 Uhr erreicht und die letzten 200 Meter zum Camp in der einsetzenden Abendstimmung eine Zugabe.

Gegen 19 Uhr waren wir dann wieder im Camp. Mittlerweile war das Camp gut mit Zelten besetzt, ein Hilleberg Fan hatte sich neben uns breit gemacht. Es war wieder eine gute Stimmung im Camp, die wir gar nicht mehr so recht registrieren und genießen konnten. Sogar das Essen fiel uns schwer. Wir hatten keinen richtigen Hunger, wollten eigentlich nur noch Wunden lecken. Täve dagegen war fit, der hatte ja eine schöne geführte Tagestour mitgemacht ohne nur einen Höhenmeter selbst zu laufen. Also verweilten wir ihm zuliebe noch vorm Zelt, stießen auf die strapaziöse, aber erfolgreiche Bergfahrt an. Yvonne meinte nur: „Man ist erschöpft, aber glücklich zugleich. Sowas kann man mal wieder machen!“ Ehrlich, ich hätte es nicht geglaubt, denn Jeder, der schon einmal wandern war, weiß, was 1500 Höhenmeter bedeuten und dann noch mit ordentlich Gepäck. Keine Ahnung, wer dann eher eingeschlafen war, aber müde waren wir dann doch Alle.

Es war eine unruhige Nacht. Die Muskeln kontrahierten im Schlaf noch weiter und das böse Erwachen kam mit den ersten Schritten vorm Zelt. Wir liefen wie Rentner mit ihren Rollatoren. Ich weiß gar nicht, wo der Schmerz anfing und wo er aufhörte, aber grob gesagt tat alles Bauchnabel-abwärts weh. Eigentlich war eine kleinere Wanderung angesagt, am Nachmittag dann Abreise nach Hause. Aus der kleinen Wanderung wurde keine Wanderung. Mit schmerzerfüllten Gesicht bewegten wir uns mit Bedacht. Im Sitzen war es einigermaßen erträglich. Das Frühstück und der Kaffee belebte uns und dann ging es erst einmal runter an den See. Es war gegen 10 Uhr und die Sonne wärmte schon gut durch. Wir sonnten uns, blickten hoch zum Glärnisch und waren innerlich stolz ohne Ende. Täve genoss den Freilauf heute außerordentlich. Er erkundete die Gegend, spielte im See mit den zahlreichen Kaulquappen und war sichtlich glücklich.

Am Nachmittag, nach Zeltabbau und Verstauen des Gepäcks blickten wir noch einmal auf unser großes Erlebnis. Noch heute reden wir über dieses Wochenende, was spontan und ungeplant doch mit am schönsten war. Der grandiose Gipfelerfolg trug natürlich dazu bei und ist auch einer der Gründe, warum wir noch weiter hinaus wollen.